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Eintrag 3146
Schlagworte Gewitter; Wolkenbruch; Unwetter; Überschwemmung; Erdrutsch
Ortsangaben Eschenrod; Eichelsdorf; Eichselsachsen; Breungeshain; Busenborn; Wingershausen
Zeitangabe 3.6.1826
Quellenzeitangabe
Originaltext Zeitgenössischer Bericht des Lehrers Ludwig Salzmann (Eschenrod) – mitgeteilt und ergänzt vom W. Würz, Eichelsdorf

Der Hoherodskopfbesucher sieht zu Füßen ein enges Tälchen, das im Laufe der Jahrtausende von den Wassern der Eichel in die Basaltmasse des Vogelsbergs eingesägt wurde. Nur 3 Stunden lang ist der Weg des Bächleins, denn schon in Eichelsdorf vereinigt es sich mit der größeren Schwester Nidda.
Hundert Jahre sind verflossen, so hieß es in einem im Jahre 1926 erschienenen Zeitungsbericht, da wurde eines Tages das winzige Wässerlein zum Riesen, der die Eicheltäler in Angst und Schrecken versetzte. Der damalige Lehrer Ludwig Salzmann schrieb unter dem Eindruck des gewaltigen Ereignisses nieder, was er in diesen Unglückstagen erlebte, und ein gütiges Geschick hat uns seinen Bericht in die Hände gespielt, der gegenüber den Eicheltäler Pfarrchroniken den großen Vorzug hat, zeitgenössisch zu sein.
„Der 3. Juni 1826 war für mehrere Gemeinden unseres Bezirks ein Tag des Jammers. Nach Tagen einer beständigen und unerträglichen Hitze zogen von Süden schwere Gewitterwolken heran nach den Höhen des Vogelsberges. Sie sammelten sich immer mehr und entluden sich gegen 5 Uhr abends durch einen furchtbaren Wolkenbruch (am Bilstein). Das Wasser kam stromweis vom Berg herunter, flutete ganze Felder weg und ergoß sich nach dem Tal, in dem die Orte Breungeshain, Busenborn, Eschenrod, Wingershausen, Eichelsachsen und Eichelsdorf liegen. Bei Eschenrod hatte sich alles in einen Strom verwandelt, der sich verheerend auf dieses Dorf wälzte.
Alles dieses war das Werk einiger Minuten. Die ganze Straße, welche der Länge nach durch Eschenrod führt, stand plötzlich 30 Fuß hoch unter Wasser, welches haushohe Wellen schlug in seinem unaufhaltbaren Toben, die chaussierte Straße völlig zerstörte, Bäume entwurzelte, Bauholz, ungeheure Steine und Wagen wegschwemmte, die Grundmauern der an der Straße stehenden Häuser untergrub, ganze Wohnhäuser mit den darin befindlichen Bewohnern und an vielen Wohnungen ganze Teile wegriß.
Aus Eschenrod kamen 21 Menschen in den Wellen um. Darunter eine Familie von 6 Köpfen, nämlich Johann Heinrich Heun, seine Frau und 4 Kinder, nebst einer Pflegetochter Anna Maria Lenz. Alle stürzten aus dem zweiten Stockwerk, in welches sie sich geflüchtet hatten, mit dem umsinkenden Haus in die Flut. Von einer anderen Familie blieb nur der Familienvater Johann Heinrich Hermann, der sich zur Zeit des Unglücks auf einem hochgelegenen Felde befand, am Leben. Seine Frau, drei Kinder, der Knecht Johannes Lenz und ein Bursche Johann Jost Appel, der sich gerade in dem Hause aufhielt, kamen in den Wellen um. Der Familienvater konnte bei seiner Heimkehr kaum noch einen Teil des Platzes erkennen, wo sein Haus gestanden hatte. Von einer dritten Familie Johann Georg Buß blieben nur zwei auswärts dienende Kinder, alle übrigen der Zahl sechs Menschen, verunglückten unter den Trümmern der ganz weggeschwemmten Hofreite. Ein anderes Haus, in dem sich Mutter und Tochter befanden, nämlich Christine Wiegand und ihre zweite Tochter Margarete, wurden mit ihrer Hofreite weggespült.
In Eschenrod wurden vernichtet 26 Gebäude, worunter drei schöne Hofreiten sich befanden, 29 Gebäude wurden mehr oder weniger beschädigt. Das Brauhaus der Gemeinde, zwei Backhäuser, mehrere Brücken und Stege haben keine Spur ihres Daseins hinterlassen. In der Straße, durch die sich der Strom wälzte, sind 20-30 Fuß tiefe Furchen eingerissen, so daß niemand aus den Hofreiten ein und aus konnte.
In Wingershausen ist verunglückt eine Frau Johanna Elisabeth Löwener. Vier Ställe und eine Scheune wurden ganz ruiniert und 6 Gebäude mehr oder weniger beschädigt.
In Eichelsachsen wurde eine Witwe Johanna Elisabeth Rau und vier ihrer Kinder mit ihrem Wohnhause fortgerissen. Ein Drittel der dort befindlichen herrschaftlichen Zehntscheuner riß der Strom weg.
Die 3 Orte Eschenrod, Wingershausen und Eichelsachsen bieten ein Bild schrecklicher Verwüstung. Wege, Brücken und Kanäle sind zerstört, und niemand weiß, wie der Schaden wieder gut gemacht und das verloren Gegangene wieder angeschafft werden soll. Was an Vieh, Ackergerät, Wagen, Felder und Wiesen verwüstet worden ist, beläuft sich auf viele Tausende. Wenn nicht edle Menschenfreunde helfen, können die weggeschwemmten und beschädigten Gebäude nicht wieder aufgebaut werden.
Und morgen ist Pfingsten! ... Am anderen Morgen, dem 1. Pfingsttage, eilen verstörte Menschen von Eschenrod aus dem Grund hinunter und suchen nach den weggeschwemmten Freunden und Nachbarn. Der Grund der Stolz des Dorfes, welch ein Bild. Die Wiesen von den gewaltigen Fluten aufgewühlt, von Erd- und Geröllmassen bedeckt. Und in diese eingebettet Haus- und Küchengeräte, Weißzeug, Kleidungsstücke, Brot und Speckseite, Wagen und Ackergeräten. Hier liegen 2 Kühe, noch im Tode durch die Kette mit der futterspendenden Krippe verbunden, und dort am Weidenstumpf hängt ein Mensch, ein Kind, die vierjährige Elisabetha Heun, deren Mutter man gestern abend schon am Nußbaum beim Steg hinterm Pfarrhause fand, 18 Fuß hoch am Baum hängend. Und weiter hetzen die Männer und suchen und finden bis Wingershausen 6 Tote, die in Eschenrod am 2. Pfingsttage zur Ruhe gebettet werden. Die Eichelsächser bergen auf ihren Fluren 12 Leichen und die Eichelsdörfer weitere 8 und graben ihnen auf ihren Kirchhöfen ein Grab. Erst am 26. Juni wird der 26. Tote gefunden und am 27. Juni der Erde übergeben.
O, Tränenpfingsten 1826, da man im Heimattal 26 frühe Grabhügel wölbte, möchtest du der Heimat ein zweites Mal erspart bleiben! Gott gebe es!
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   25.06.2009
Beleg Magistrat der Stadt Schotten (Hrsg.): Schotten und seine Stadtteile im Wandel der Zeiten. Lauterbach 1996, S. 457f.
Bearbeiter Johannes Hofmeister
   

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