Datensätze

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Eintrag 2397
Schlagworte Witterung, anhaltend feuchte; Ergotismus-Epidemie
Ortsangaben Hessen
Zeitangabe 3.1596 - 8.1596
Quellenzeitangabe
Originaltext „Eine besonders schwere Epidemie (der Mutterkornkrankheit) ereignete sich in den Jahren 1596/97 in Hessen und Westfalen. Ihr verdanken wir eine der frühesten Beschreibungen des Krankheitsbildes.“ In der Medizinischen Fakultät Marburg entstand 1597 eine Aufklärungsschrift: „Von einer ungewöhnlichen/ und biß anhero in diesen Landen unbekannten/ gifftigen/ ansteckenden Schwachheit/ welche der gemeyne Mann dieser ort in Hessen/ die Kribelkranckheit/ Krimpffsucht/ oder ziehende Seuche nennet“. Sie enthält eine anschauliche Beschreibung der beim Ergotismus convulsivus auftretenden, äußerst schmerzhaften, steinharten Muskelkrämpfe der Beugemuskulatur und dem lauten Schmerzgeschrei der Erkrankten.
Rückschlüsse auf das Wetter: Frühjahr und Sommer 1596 müssen in Hessen – das Interesse der Marburger Universität dürfte eher für Mittel- und Oberhessen sprechen – und Westfalen bis zur Roggenernte im August anhaltend feucht gewesen sein.
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   10.01.2008
Beleg Horst Hecker: Die Ergotismus-Epidemie im Kreis Frankberg 1879/80, in: ZHG Bd. 106 (2001) S.209-228, hier S. 214-215.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   
Eintrag 2398
Schlagworte Witterung, anhaltend feuchte; Ergotismus-Epidemie
Ortsangaben Hessen; Waldeck; Freienhagen; Schwalefeld
Zeitangabe 3.1770 - 8.1770
Quellenzeitangabe
Originaltext „Eine Reihe … Epidemien (der Mutterkornkrankheit) ist aus dem 17. und 18. Jahrhundert überliefert, darunter auch eine aus dem Fürstentum Waldeck. Dieselbe nahm ihren Anfang Spätsommer 1770 und dauerte bis Anfang 1772. Besonders betroffen waren die Orte Freienhagen und Schwalefeld, wo die Epidemie mehrere Dutzend Menschenleben forderte. Auch die Landgrafschaft Hessen-Kassel stand damals in Gefahr, von der Seuche erfaßt zu werden.“ Deshalb wurden am 26.9.1770 die hessischen Beamten aufgefordert, die Untertanen vor dem in diesem Jahr besonders gehäuft auftretenden Mutterkorn zu warnen, das bei Verzehr mit dem übrigen Getreide „bey denen Menschen übele Wirkungen hervorbringe“.
Rückschlüsse auf das Wetter: Frühjahr und Sommer 1770 müssen in besagter Region bis zur Roggenernte im August anhaltend feucht gewesen sein .
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   10.01.2008
Beleg Horst Hecker: Die Ergotismus-Epidemie im Kreis Frankberg 1879/80, in: ZHG Bd. 106 (2001) S. 209-228, hier S. 215.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   
Eintrag 2399
Schlagworte Winter, strenger; Winter, langanhaltender; Frühjahr, kaltes; Luftströmung, vorherschend kalte nördliche und nordöstliche; Mai, ab Ende milderes Wetter; Juni, überwiegend sommerlicher; Juli, langanhaltendes, abnorm kühles Wetter im; Juli, überwiegend regnerischer; August, feuchte Witterung im; Ernteausfall bei Roggen um 50 Prozent; Ergotismus-Epidemie; Todesfälle, zahlreiche
Ortsangaben Kassel, Kreis; Frankenberg, Kreis; Geismar; Dainrode; Haubern; Bottendorf
Zeitangabe 12.1878 - 8.1879
Quellenzeitangabe
Originaltext „Der Winter 1878/79 war sehr lang und streng gewesen; und das auf ihn folgende Frühjahr zeigte ebenfalls eine ungünstige, im Vergleich zu normalen Jahren viel zu kalte Witterung. Mit Ausnahme einer weniger wärmerer Tage zu Ende März und Anfang April herrschte bis weit in den Mai hinein eine kalte nördliche und nordöstliche Luftströmung vor, welche die Vegetation in ihrer Entwicklung stark hemmte und schon damals größere Ernteschäden befürchten ließ. Erst in der zweiten Hälfte des Mai trat milderes Wetter ein, das sich im Juni mit überwiegend sommerlichen Temperaturen fortsetzte. Dagegen brachte dann der Juli erneut langanhaltendes, abnorm kühles Wetter mit fast täglichem Regen. Auch im August war die feuchte Witterung vorherrschend. Der Sommer 1879 fiel demnach also buchstäblich ins Wasser.
Durch die Ungunst der Witterung waren die Ernteaussichten sehr verringert. Für den Regierungsbezirk Kassel rechnete man mit einem Ernteausfall bei Roggen, der Hauptbrotfrucht, von rd. 50%. Hinzu kam, begünstigt durch das nasse und kühle Wetter, eine ungewöhnlich starke Entwicklung des Mutterkorns, namentlich im Kreis Frankenberg. Wie hoch der Anteil des Mutterkorns am Roggen war, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Je nach den vorherrschenden Bodenverhältnissen war er von Gemarkung zu Gemarkung verschieden. In einzelnen Feldlagen soll er bis zu 10 % betragen haben. Im Durchschnitt lag er bei etwa 2 %. Am stärksten zeigte sich die Mutterkornbildung in den Gemarkungen Geismar, Dainrode, Haubern und Bottendorf. In den dortigen Gemeinden war denn auch die Zahl der späteren Erkrankungen besonders hoch. Außer beim Roggen wurde Mutterkorn auch bei der Gerste und besonders bei der Trespe beobachtet. Mancherorts waren die Roggenfelder bis zu einem Drittel mit Trespen durchsetzt. Ungewöhnlich war auch die Lange der Sklerotien. Beim Roggenmutterkorn betrug sie nicht selten 2-3 cm.“

Am 11.9.1879 begann unmittelbar im Anschluß an die Roggenernte, nach Verzehr des ersten Brotes vom frischen Korn, in Geismar, nördlich von Frankenberg die später sogenannte Frankenberger Ergotismus-Epidemie auf, bei der im Kreis Frankenberg mehr als 500 Menschen an der Vergiftung mit Mutterkorn erkrankten, von denen fast 25 % starben und die übrigen oft ein Leben lang an den Spätfolgen litten oder vorzeitig starben. Die Erkrankungen traten nachgewiesenermaßen auch noch in Allendorf, Altenlotheim, Birkenbringhausen, Bockendorf, Bottendorf, Dainrode, Dörnholzhausen, Ederbringhausen, Ellershausen, Frankenau, Frankenberg, Friedrichshausen, Haubern, Hommershausen, Hüttenrode, Löhlbach, Louisendorf, Schreufa, Viermünden, Willersdorf auf. Nach Ostern 1880 traten nur noch vereinzelte Erkrankungen auf. Alle amtlichen Bemühungen, die frühzeitig absehbare Gefahr durch entsprechende Warnaufrufe und Kontrollen zu bannen, waren nur teilweise erfolgreich. Es war die letzte Epidemie der Mutterkornkrankheit in Deutschland.

Lokale Besonderheiten:
In der Landbevölkerung des Kreises Frankenberg waren die Warnungen vor dem Mutterkorn als Urheber der sog. Kriebelkrankheit ungläubig von der Hand gewiesen worden. Diese Haltung sollte sich erst nach Ablauf der Epidemie ändern.
Zum andern war der Anteil Armer dort sehr hoch, die sich kein anderes Brot leisten konnten. Denn der Kreis Frankenberg gehörte schon in kurhessischer Zeit wegen seiner Strukturschwäche zu den ärmsten und rückständigsten Gebieten, woran sich nach der Übernahme durch Preußen 1866 zunächst auch nichts geändert hatte. Hunger, Verwahrlosung und täglicher Schnapskonsum gehörten zum Alltag vieler, wodurch auch die körperliche Abwehrlage gegen eine Vergiftung schon von vorneherein geschwächt war. Im Jahre 1879 hatte es im Kreis Frankenberg zusätzlich zur schlechten Roggenernte noch eine schlechte Kartoffelernte gegeben, die die Armen, die nur von Roggen und Kartoffeln lebten, besonders hart traf.
Die Entwässerung der Äcker im Kreis Frankenberg kam wegen der damals noch bestehenden Zersplitterung des Bodens, die später durch Verkoppelung überwunden wurde, erst nach dem Ersten Weltkrieg in Gang.
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   11.01.2008
Beleg Horst Hecker: Die Ergotismus-Epidemie im Kreis Frankberg 1879/80, in: ZHG Bd. 106 (2001) S.209-228, hier S. 217-218.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   
Eintrag 2400
Schlagworte Frühjahr, anhaltend feuchte Witterung im; Sommer, anhaltend feuchte Witterung im; Ergotismus-Epidemie; Todesfälle
Ortsangaben Oberhessen; Marburg, Kreis; Frankenberg, Kreis
Zeitangabe 3.1855 - 3.1856
Quellenzeitangabe
Originaltext „Seit Ende des 18. Jahrhunderts ist eine merkliche Abnahme des Ergotismus convulsivus in Deutschland zu beobachten, was vor allem auf die Verbesserung der kulturellen und hygienischen Lage, namentlich auf eine rationellere Bearbeitung des Bodens zurückzuführen ist. Ganz verschwand die Kriebelkrankheit freilich auch im 19. Jahrhundert noch nicht. So kam er im Winter 1855/56 in Oberhessen, im nördlichen Kreis Marburg und in einigen Dörfern des Kreises Frankenberg, sowie im angrenzenden Waldeck zu einer nicht unbedeutenden Epidemie, über deren Folgen wir durch die Schrift von HEUSINGER umfassend unterrichtet sind. Von den 102 dokumentierten Fällen starben 12, 11 Kinder und ein Erwachsener … Die Gegend an und für sich ist arm, Vorräte aus früheren Jahren hatten nur wenige und so waren die Leute gezwungen, um nicht vor Hunger zu sterben selbst das schlechteste und unreinste Getreide zu verbrauchen. … Fast alle Erkrankten gehören der ärmeren Volksklasse an, die wenigsten hatten das verbrauchte Getreide alle selbst gezogen, viele mußten das Brod von ihren Nachbarn und Dienstherren kaufen oder als Lohn annehmen, und daß ihnen nicht das beste gegeben wurde, ist eine leicht erklärliche Tatsache.“
Frühjahr und Sommer 1855 müssen in besagter Region bis zur Roggenernte im August anhaltend feucht gewesen sein
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   10.01.2008
Beleg Horst Hecker: Die Ergotismus-Epidemie im Kreis Frankberg 1879/80, in: ZHG Bd. 106 (2001) S. 209-228, hier S. 216-217.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   

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