Datensätze

Seite: 1

Eintrag 2399
Schlagworte Winter, strenger; Winter, langanhaltender; Frühjahr, kaltes; Luftströmung, vorherschend kalte nördliche und nordöstliche; Mai, ab Ende milderes Wetter; Juni, überwiegend sommerlicher; Juli, langanhaltendes, abnorm kühles Wetter im; Juli, überwiegend regnerischer; August, feuchte Witterung im; Ernteausfall bei Roggen um 50 Prozent; Ergotismus-Epidemie; Todesfälle, zahlreiche
Ortsangaben Kassel, Kreis; Frankenberg, Kreis; Geismar; Dainrode; Haubern; Bottendorf
Zeitangabe 12.1878 - 8.1879
Quellenzeitangabe
Originaltext „Der Winter 1878/79 war sehr lang und streng gewesen; und das auf ihn folgende Frühjahr zeigte ebenfalls eine ungünstige, im Vergleich zu normalen Jahren viel zu kalte Witterung. Mit Ausnahme einer weniger wärmerer Tage zu Ende März und Anfang April herrschte bis weit in den Mai hinein eine kalte nördliche und nordöstliche Luftströmung vor, welche die Vegetation in ihrer Entwicklung stark hemmte und schon damals größere Ernteschäden befürchten ließ. Erst in der zweiten Hälfte des Mai trat milderes Wetter ein, das sich im Juni mit überwiegend sommerlichen Temperaturen fortsetzte. Dagegen brachte dann der Juli erneut langanhaltendes, abnorm kühles Wetter mit fast täglichem Regen. Auch im August war die feuchte Witterung vorherrschend. Der Sommer 1879 fiel demnach also buchstäblich ins Wasser.
Durch die Ungunst der Witterung waren die Ernteaussichten sehr verringert. Für den Regierungsbezirk Kassel rechnete man mit einem Ernteausfall bei Roggen, der Hauptbrotfrucht, von rd. 50%. Hinzu kam, begünstigt durch das nasse und kühle Wetter, eine ungewöhnlich starke Entwicklung des Mutterkorns, namentlich im Kreis Frankenberg. Wie hoch der Anteil des Mutterkorns am Roggen war, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Je nach den vorherrschenden Bodenverhältnissen war er von Gemarkung zu Gemarkung verschieden. In einzelnen Feldlagen soll er bis zu 10 % betragen haben. Im Durchschnitt lag er bei etwa 2 %. Am stärksten zeigte sich die Mutterkornbildung in den Gemarkungen Geismar, Dainrode, Haubern und Bottendorf. In den dortigen Gemeinden war denn auch die Zahl der späteren Erkrankungen besonders hoch. Außer beim Roggen wurde Mutterkorn auch bei der Gerste und besonders bei der Trespe beobachtet. Mancherorts waren die Roggenfelder bis zu einem Drittel mit Trespen durchsetzt. Ungewöhnlich war auch die Lange der Sklerotien. Beim Roggenmutterkorn betrug sie nicht selten 2-3 cm.“

Am 11.9.1879 begann unmittelbar im Anschluß an die Roggenernte, nach Verzehr des ersten Brotes vom frischen Korn, in Geismar, nördlich von Frankenberg die später sogenannte Frankenberger Ergotismus-Epidemie auf, bei der im Kreis Frankenberg mehr als 500 Menschen an der Vergiftung mit Mutterkorn erkrankten, von denen fast 25 % starben und die übrigen oft ein Leben lang an den Spätfolgen litten oder vorzeitig starben. Die Erkrankungen traten nachgewiesenermaßen auch noch in Allendorf, Altenlotheim, Birkenbringhausen, Bockendorf, Bottendorf, Dainrode, Dörnholzhausen, Ederbringhausen, Ellershausen, Frankenau, Frankenberg, Friedrichshausen, Haubern, Hommershausen, Hüttenrode, Löhlbach, Louisendorf, Schreufa, Viermünden, Willersdorf auf. Nach Ostern 1880 traten nur noch vereinzelte Erkrankungen auf. Alle amtlichen Bemühungen, die frühzeitig absehbare Gefahr durch entsprechende Warnaufrufe und Kontrollen zu bannen, waren nur teilweise erfolgreich. Es war die letzte Epidemie der Mutterkornkrankheit in Deutschland.

Lokale Besonderheiten:
In der Landbevölkerung des Kreises Frankenberg waren die Warnungen vor dem Mutterkorn als Urheber der sog. Kriebelkrankheit ungläubig von der Hand gewiesen worden. Diese Haltung sollte sich erst nach Ablauf der Epidemie ändern.
Zum andern war der Anteil Armer dort sehr hoch, die sich kein anderes Brot leisten konnten. Denn der Kreis Frankenberg gehörte schon in kurhessischer Zeit wegen seiner Strukturschwäche zu den ärmsten und rückständigsten Gebieten, woran sich nach der Übernahme durch Preußen 1866 zunächst auch nichts geändert hatte. Hunger, Verwahrlosung und täglicher Schnapskonsum gehörten zum Alltag vieler, wodurch auch die körperliche Abwehrlage gegen eine Vergiftung schon von vorneherein geschwächt war. Im Jahre 1879 hatte es im Kreis Frankenberg zusätzlich zur schlechten Roggenernte noch eine schlechte Kartoffelernte gegeben, die die Armen, die nur von Roggen und Kartoffeln lebten, besonders hart traf.
Die Entwässerung der Äcker im Kreis Frankenberg kam wegen der damals noch bestehenden Zersplitterung des Bodens, die später durch Verkoppelung überwunden wurde, erst nach dem Ersten Weltkrieg in Gang.
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   11.01.2008
Beleg Horst Hecker: Die Ergotismus-Epidemie im Kreis Frankberg 1879/80, in: ZHG Bd. 106 (2001) S.209-228, hier S. 217-218.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   

Seite: 1