Datensätze

Seite: 1

Eintrag 3653
Schlagworte Hochwasser; Überschwemmung; Dammbruch; Evakuierung; Hilfsmaßnahmen
Ortsangaben Leeheim; Bodenheim; Nackenheim; Laubenheim; Biblis; Bobstadt; Bürstadt; Hammerau; Hofheim; Maulbeerau; Wattenheim; Astheim; Geinsheim; Berkach; Kornsand; Ginsheim; Trebur; Wallerstädten; Rhein, Fluss
Zeitangabe 11.1882 - 1.1883
Quellenzeitangabe
Originaltext „Über die Überschwemmung 1882/83 gibt Maurermeister Johannes Theiss folgenden Bericht:
Nachdem am 28. November 1882 das Wasser des Rheins eine Höhe erreicht hatte, daß Schlimmes zu befürchten war, brach bei Bodenheim der Rheindamm, wodurch Nackenheim, Bodenheim und Laubenheim unter Wasser gesetzt wurden. Hierdurch trat in unserer Gegend ein Fallen des Wassers ein, und der Rhein ging in sein Bett zurück. Wider Erwarten wuchs der Strom zwei Tage nach Weihnachten ganz rasch und zwar so stark, daß er am Ende des Jahres an der Dammkrone stand und von den Bruderlöchern bis zur Mordheckfahrt 2 Bretter aufeinander gestellt, mit Pflöcken befestigt und mit Erde auf der Landseite beigedämmt werden mußten, weil die Flut beständig wuchs und über den Damm lief. Mehrere hundert Säcke wurden hinausgeschafft und mit Erde gefüllt. Einige Nachen mit Backsteinen und Mauersteinen kamen in der Nacht des 29. Dezember an; das Material wurde auf den Damm am Ende der Mönchswiese gelegt, weil er an dieser Stelle zu bersten drohte. Daraufhin hielt die Stelle den Druck aus. Hingegen zeigte sich an der Mordheckfahrt, ungefähr 3 Schritte vom Damm, im Erdboden ein Loch, so groß wie eine Kegelkugel. Durch dieses drang das Rheinwasser, untermischt mit Sand. Man befürchtete hier einen Dammbruch, und infolgedessen wurde Tag und Nacht an der Verstärkung gearbeitet. Auch an unserem Ortsdamm wurden die Fahrten zugeschlagen und mit dem Aufwerfen eines neuen Dammes am Sonntag, den 31. Dezember 1882, begonnen; nachts wurde weiter gearbeitet. Da trat am Neujahrsmorgen 1883 um 9 1/2 Uhr die Katastrophe ein. Der Damm brach an der Mordheckfahrt und zwar von unten aus; denn das Wasser hatte den Damm ausgehöhlt und sich einen Weg durch denselben gebahnt. Dabei stand die Dammkrone noch. Endlich stürzte auch sie ein, und der Damm brach nach und nach zusammen. Der Bruch erreichte eine Länge von 115 m, eine Breite von 25 m und eine Tiefe von 21 m. Die Dammwache floh und alarmierte die Gemeinde, die gerade beim Morgengottesdienst versammelt war. Als man kaum mit dem Anfang des Eingangsliedes „Komm’, heil’ger Geist“ begonnen hatte, erschien der Ortsdiener Jakob Härter, in die Kirche hineinschreiend: „Der Damm ist gebrochen! Das Wasser kommt!“ Panischer Schrecken ergriff die Leute. Wimmernd ertönten die Sturmglocken. Eiligst machte sich jedermann daran, seine bewegliche Habe und sein Vieh in Sicherheit zu bringen. Man brachte sein Eigentum ins Oberdorf, und von dem dabei entstandenen Wirrwarr kann sich nur der einen Begriff machen, der ihn mit eigenen Augen gesehen hat. Bis zum Abend dauerte die Flucht, und erst dann konnte einwenig Ordnung geschaffen werden. Das war der Neujahrstag 1883 in Leeheim.
Gegen Abend stand das Wasser am Ortsdamm, wo rüstig gearbeitet wurde, um ein Überfluten zu verhüten. Das Wasser wuchs aber so schnell, daß jede Hoffnung aufgegeben werden mußte. Indessen waren aber auch schon behördlicherseits Vorkehrungen getroffen worden. Acht Nachen mit 26 Schiffern waren von Nierstein hierher zur Hilfeleistung befohlen worden. Diese kamen abends an, als noch am Ortsdamm bearbeitet wurde. Man vermutete anfangs, sie führten etwas Böses im Schild. Die Schiffer lenkten ihre Nachen bis zur Bensheimer Chaussee, schleiften sie über den Damm und im Chausseegraben fort bis an die Gassewet (=Schwenke). Inzwischen kam die Nachricht, daß das Wasser den Damm überflutet hätte und in den Ort andränge, so daß die Nachen in denselben geschafft werden mußten. Nachts um 2 Uhr verkehrten die Nachen bereits in der Klappergasse. Am 2. Januar 1883 vermittelten, bei noch größerer Arbeit, bereits 10 Kähne (der 10. kam vom Schusterwörth) den Verkehr in den Ortsstraßen und brachten Menschen und Vieh in Sicherheit. Die Einwohner hatten sich in die zweiten Stockwerke ihrer Häuser geflüchtet und mußten mit Leitern in die Nachen steigern. Viele Leute, die kein Obdach mehr hatten, mußten im Rathaus oder bei anderen Ortsbürgern Unterschlupf suchen. Die Freund- und Verwandtschaft hat sich hier bewährt. Mittlerweile war das Wasser so hoch gestiegen, daß es die Wasserhöhe von 1845 um 38 cm überstieg. Es war nämlich bei Astheim der Damm gebrochen, und deshalb wuchs das Wasser derart schnell und hoch. Hierdurch mußten noch größere Anstrengungen gemacht werden; denn die Leute, die i. J. 1845 vom Hochwasser verschont geblieben waren, glaubten, sie blieben auch diesmal verschont. Aber auch in ihre Hofreiten drang das Wasser ein, und alles, was fortzubringen war, mußte fortgeschafft werden. Ein schlimmes Stück Arbeit und ein höchst trauriger Anblick war es, als das Vieh des Unterdorfes in 34 noch nicht vom Wasser berührte Hofreiten weggebracht werden mußte. Die Kirche und die Schulsäle waren von Menschen vollgepfropft. Hilfe mußte auf irgendeine Art geschaffen werden, und es wurde, Gott sei Dank, geholfen. Großherzog Ludwig IV. und sein Bruder Prinz Heinrich kamen in dieser schrecklichen Zeit nach Leeheim und ordneten einen Barackenbau an. Von Nierstein trafen zwei Schiffe von 1600 Zentner Tragkraft, beladen mit Pfosten, Brettern und Kohlen, hier ein und legten am Rathaus an. Militär aus Darmstadt rückte ein. Von ihm, dem einige unserer wackeren Feuerwehrleute zur Seite standen, wurden Baracken gebaut und in der Hauptstraße Pritschen geschlagen, welche den Verkehr erleichterten. In den Baracken, in der Gegend der oberen Hauptstraße und im Garten der Hofreite von Balthasar Hessemer errichtet, wurden das Rindvieh und die Schweine untergebracht. 170 Kinder von obdachlosen Einwohnern hatten in dankenswerter Weise im Griesheimer Lager, in Griesheim selbst und weitere 50 in Wolfskehlen Unterkunft gefunden.
Alle Anerkennung verdienen unsere Feuerwehrleute, die bei Tag und Nacht tapfer ihre Pflicht taten und stets die ersten im Kampfe gegen das verheerende Element waren. Mehrfach retteten sie Leute, deren Häuser unter dem Druck des Wassers einzustürzen drohten. Solche braven Männer waren … In allen deutschen Gauen, besonders aber in Frankfurt a. M. und Darmstadt, ja selbst in Amerika, gedachte man mit reichen Gaben der Notleidenden. Bis zum 10. März 1883 waren an Geldspenden für Hessen 810 158,60 M gesammelt. Der Staat bewilligte dazu eine Beihilfe von 500 000 M. Am 4. Januar 1883 hatte das Wasser seinen höchsten Stand erreicht. Dann ging es langsam zurück, so daß die Schiffer am 10. Januar unseren Ort verlassen konnten.

Bericht der Kirchenchronik über jenes Ereignis siehe Festschrift des Männergesangvereins Leeheim.

Die beschädigten Hofreiten in Leeheim wurden ausgebessert, nachdem die Herstellungskosten durch eine Baukommission abtaxiert waren. Die meisten Besitzer erhielten nach Vollendung der Herstellungsarbeiten die abtaxiere Summe. Die Hofreiten der Unbemittelten, denen die Handwerker keinen Kredit geben wollten, wurden unter Leitung der Behörden hergestellt.

Die schwere Hochwasserkatastrophe an der Jahreswende 1882/83 gab unter dem frischen Eindruck der Auswirkungen auf Land und Leute den behördlichen Stellen neuen Anstoß, Lehren daraus zu ziehen und manche Verbesserungen einzuführen. So wurde ein besonderer Untersuchungsausschuß für die Ursachen der Katastrophen eingesetzt. Eine Folge der Arbeiten der Kommission war mannigfache Verbesserung des Dammsystems und nicht zuletzt auch eine Verbesserung des Hochwassernachrichtendienstes. Im Anschluß an Baden organisiere bereits im Mai 1883 auch Hessen seinen Hochwasserdienst neu. … (Es folgt eine genaue Beschreibung der Nachrichtenkette rechts- wie linksrheinisch; ferner sei an vielen Hofreiten Hochwassermarken 1882/83 angebracht worden.)
Als vollständig bzw. bis auf verschwindende Bruchteile unter Wasser gesetzt waren die Gemarkungen Biblis, Bobstadt, Bürstadt, Hammerau, Hofheim, Maulbeerau, Wattenheim, Astheim, Geinsheim, Berkach, Kornsand, Ginsheimer Au, Treburer Au, Wallerstädten und Leeheim. Von der Leeheimer Gemarkungsfläche (1475 ha) waren nicht weniger als 1440 ha überschwemmt.“
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   08.06.2012
Beleg Adam Weiss und Rudolf Schwartz: Heimatbuch der Gemeinde Leeheim, Griesheim 1966, S. 35–40.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   
Eintrag 4011
Schlagworte Hochwasser; Überschwemmung; Evakuierung
Ortsangaben Lippoldsberg; Weser, Fluss
Zeitangabe 6.1.1642
Quellenzeitangabe
Originaltext "So ist auch in diesem Jahre [1642; J.E.] um Drey Könige Tag [6. Januar; J.E.] eine große Wasserfluth gewesen, auch also, daß die Weser durch das Dorf Lippoldsberg und dessen Feldmark geflossen, und haben sich die Einwohner mit ihren Kindern, Gesinde und Vieh zu ihren Mitnachbaren auf den Berg retiriren und bis die Wasserfluth – welche an dem Dorfe und Felde keinen Schaden gethan – vorbeygewesen, bei denenseiben bleiben müssen."
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   22.09.2013
Beleg Die Chronik des Lippoldsberger Amtsvogtes Itter von 1722, in: Jochen Desel: Das Kloster Lippoldsberg und seine auswärtigen Besitzungen, Melsungen 1967, S. 175–182, hier S. 177.
Bearbeiter Jochen Ebert
   
Eintrag 4015
Schlagworte Hochwasser; Überschwemmung; Gebäudeschäden; Evakuierung
Ortsangaben Lippoldsberg; Bursfelde; Weser, Fluss
Zeitangabe 6.1.1682
Quellenzeitangabe
Originaltext "Anno 1682: ist um Drey Könige Tag ein sehr großes Wasser gewesen, die Weser hat Bursfelde eine Scheuer mit Frucht weggenommen und zum Theil in die Lippoldsberger Feldmark gesetztet; der Fährmann hat die Einwohner allhier zum Lippoldsberg mit den Flößen und Schiffen aus ihren Häusern langen und zu ihren
Nachbarn auf den Berg bey dem Kloster bringen, selbst auch aus dem Fährhaus an den Wald retiriren müssen."
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   22.09.2013
Beleg Die Chronik des Lippoldsberger Amtsvogtes Itter von 1722, in: Jochen Desel: Das Kloster Lippoldsberg und seine auswärtigen Besitzungen, Melsungen 1967, S. 175–182, hier S. 179.
Bearbeiter Jochen Ebert
   
Eintrag 4061
Schlagworte Hochwasser; Dammbruch; Wasserbruch; Überschwemmung; Evakuierung; Schäden; Erosionsschäden
Ortsangaben Rhein, Fluss; Astheim; Königstädten; Trebur
Zeitangabe 27.11.1882 - 16.1.1883
Quellenzeitangabe
Originaltext „Georg Roos hielt in seiner Ortschronik „Astheim, vom Bauerndorf zur modernen Wohngemeinde“ aus dem Jahre 1976 über die Jahrtausendkatastrophe fest:
,Nachdem am 27. November 1882 der große Verbindungsdamm gebrochen war, stürzte der Rhein in das Schwarzbachgebiet. Auch der linksseitige Damm konnte der Wucht des Elementes nicht widerstehen; das ganze Ried bis Groß-Gerau wurde einer Überschwemmung ausgesetzt. In Astheim lief das Wasser am 3. Januar 1883 über die Krone des Ortsdammes, glücklicherweise darf man sagen. Wäre nämlich ein Dammbruch hinter der Kirche oder am Pfarrgarten eingetreten, hätten viele Menschen den Tod in den Fluten gefunden. Das Wasser stand bis zum 2. Stock in den Häusern. Noch heute zeigen Wasserstandszeichen an den Häusern den damaligen Stand der Fluten. Zur Rettung und ersten Hilfe waren Pioniere aus Mainz in Pontons herbeigeeilt.
Die Astheimer Einwohner fanden in den benachbarten Dörfern, besonders in Königstädten, Unterkunft. Durch ein Hilfskomitee wurden Nahrungsmittel und Kleidungsstücke aus Mainz für die Geschädigten herbeigebracht. Ein alter Ortsbewohner berichtete, dass sogar die Kühe unter den unmöglichsten Schwierigkeiten in die oberen Stockwerke der Häuser geschafft worden seien.
Der Heimatspiegel des Kreises Groß-Gerau bringt 1883 folgende Kurznachrichten:
1. Januar 1883: Der Hauptdamm zwischen Astheim und Trebur ist gebrochen.
3. Januar 1883: Für Astheim heute Proviant gesammelt. Es soll Hungersnot daselbst geherrscht haben.
3. Januar: Es ist ein erbitterter Zweikampf zwischen Technik und Aufopferung aller Mittel einerseits und dem wuchtigen unerbittlichen Element andererseits.
4. Januar: Von Darmstadt sind Lebensmittel für Astheim und Trebur eingetroffen. Ein Ponton kam mit Kreisingenieur von Rieffel nach Astheim.
Soeben, 16:00 Uhr landete hier ein Schiff mit 110 halb verhungerten und aller Habe beraubten Astheimer. Sie erhalten sofort Verpflegung und Unterkunft.
6. Januar: Gestern Nachmittag traf abermals ein Schiff mit 50 Astheimer Überschwemmten hier ein.
11. Januar: Im Astheim steht das Wasser am Rathaus etwa einen Meter hoch. Es sind daselbst noch 25 Stück Groß- und eine Anzahl Kleinvieh.
16. Januar: Hier stehen die Gebäude noch 5 bis 15 Fuß unter Wasser. Es ist kaum zu glauben, dass Astheim vor gründlichem Austrocknen und Desinfizieren wieder bewohnt werden kann.
… Neben Geinsheim war Astheim das am schwersten betroffene Dorf. Die Gesamtfläche der Gemarkung mit 775 Hektar war restlos überschwemmt. Der Schaden, der auf den Kreis Groß-Gerau fiel, betrug 375.000 Mark. Aus dem ganzen Deutschen Reich gingen Spenden ein, um die Not zu lindern.‘
… Die alten Hochwassermarken an Haus Ecke Alt-Astheim/Pfarrgasse, die Fluthöhe und Jahr markieren, mahnen uns zur Wachsamkeit. Die Hammerkaut, ein ausgestrudelter Kolk, ist ebenfalls Zeuge der Hochwasserkatastrophe von 1883.“
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   12.10.2013
Beleg Norbert Hämel: Leben mit dem Rhein – Ein stetiger Kampf mit dem Hochwasser, in: Astheim – Geschichte und Geschichten, hg. v. Organisationskomitee 1150 Jahre Astheim, Trebur 1999, S. 313–315, hier S. 314–315.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   

Seite: 1