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Eintrag 2796
Schlagworte Gewitterwolken; bewölkt, stark; Sonnenstrahlen, vereinzelte; Aufreißen des Himmels; Kaiserwetter, kein
Ortsangaben Rüdesheim am Rhein; Niederwald-Denkmal
Zeitangabe 28.9.1883
Quellenzeitangabe
Originaltext „Dass es Wilhelm I. beinahe nicht möglich gewesen wäre, der feierlichen Zeremonie (kurz nach 12 Uhr) beizuwohnen, ahnte zu diesem Zeitpunkt [28.9.1883; F.R.] niemand. Erst im Frühjahr des Jahres 1884 sollte sich herausstellen, dass Attentäter aus dem Kreis der Anarchisten versucht hatten, den Kaiser auf dem Weg von Rüdesheim zum Niederwald-Denkmal in die Luft zu sprengen. Niemand hätte dann erleben dürfen, wie in dem Augenblick, da der Kaiser seinen Blick vom Denkmal weg und hin zur Landschaft richtete, aller Schatten wich – es herrschte nämlich absolut kein Kaiserwetter! -, und es Licht wurde, wie Otto Sartorius 1888 pathetisch beschrieb: „In diesem Augenblicke zertheilten sich die drohenden schwarzen Gewitterwolken, und leuchtende Sonnenstrahlen umflossen des Kaisers hohe Gestalt. Wie ein Zeichen göttlicher Gnade empfanden dies die vielen Tausende, die auf dem Niederwald versammelt waren … .“ Und sie gedachten ergriffen der einmütigen, siegreichen „Erhebung des deutschen Volkes und der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches 1870-1871“, wie es die Denkmal-Inschrift vorsieht, und lobpreisten ihren Kaiser mit dem gemeinschaftlichen Absingen der Hymne „Heil Dir im Siegerkranz, Vater des Vaterlands, Heil Kaiser Dir!“ (S.42)

Ursprünglich wollten die beiden Anarchisten die Sprengladung am Vortag direkt unterhalb des Kaiserzeltes anbringen, entschieden sich dann aber dafür, sie in einem Abflussrohr, das 600 Meter vom Denkmal entfernt an der Wegstrecke des Kaisers lag, anzubringen. Da es keinerlei Sicherheitsvorkehrungen gab, hatten sie keine Schwierigkeiten, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Abends holten sie das Dynamit, um alles für eine Explosion vorzubereiten.
„Zu diesem Zwecke wurde eine neun Meter lange Zündschnur verlegt, die mit Laub, Gras und Erde überdeckt wurde, um sie unkenntlich zu machen. Der Sprengstoff selbst befand sich in einer Abflussröhre. Nach getaner Arbeit begaben sich die beiden Männer nach Rüdesheim, … Am nächsten Morgen kehrten sie zurück und erwarteten die Ankunft des Kaisers, Während Rupsch, mit einer brennenden Zigarre in der Hand, neben der mit einem Zündschwamm versehenen Zündschnur stand, hielt sich Küchler etwas abseits von ihm auf, um die Straße zu beobachten. Als er des herannahenden Monarchen Gewahr wurde, gab er seinem Komplizen das vereinbarte Zeichen zur Zündung. Doch die Kutsche passierte die aufgebaute Sprengvorrichtung, ohne dass etwas geschah. Die erwartete Explosion fand nicht statt. Küchler kochte vor Wut und wollte auf der Stelle wissen, was geschehen bzw. gerade nicht geschehen sei! Rupsch erklärte, er habe den Zündschwamm mit seiner Zigarrenglut berüht, aber es nicht geschafft, den Schwamm zu entflammen. Vielleicht, so mutmaßte er, sei der Zündschwamm – oder die Zündschnur – feucht geworden?
In Anbetracht der Anbringung erscheint dies wahrscheinlich. Gras, Laub und Erde können – zumal im September und in einem vergleichsweise hoch gelegenen Gebiet mit Baumbestand – so feucht sein, daß eine Zündung nicht möglich ist. Aus diesem Grund musste auch der zweite Versuch, den Kaiser – diesmal bei seiner Abfahrt – in die Luft zu sprengen scheitern.“ (S.45-47)
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   28.03.2009
Beleg Stephanie Zibell: Rheingeschichten. Geschichte und Geschichten aus dem Rheingau und dem Mittelrheintal, Frankfurt 2008. Die Autorin zitiert aus: Otto Sartorius: Das National-Denkmal auf dem Niederwald, Bingen am Rhein, 1888.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   

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