Datensätze

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Eintrag 4064
Schlagworte Frost; Schneedecke, geschlossene; Sturm; Nordluft, eisige
Ortsangaben Rhön; Arnsberg
Zeitangabe 25.3.1852
Quellenzeitangabe
Originaltext „Als es mich zur Zeit der schweren Not des Nachwinters von 1852 hinaus auf die Rhön getrieben hatte zu den armen Leuten, lag eine dunkle Wolke auf den Bergen, und wo der Sturm das Gewölk zuzeiten zerriss, schaute ich von meiner schnee- und eisbedeckten Warte auf beschneite Bergkuppen hinab und in winterstarre Talgründe, in denen die Hütten der Dörfer ausgestreut lagen, grau und formlos, gleich den Basaltblöcken ringsumher, dass das Auge die einen von den andern nicht zu unterscheiden vermochte. Ich stand auf dem Arnsberge, einem steilen Basaltkegel der Rhön, der mitten inne liegt zwischen zwei der ärmsten Striche des Gebirges, dem Dammersfeld und der Kreuzberggruppe, gleich einem Wartturme vor den Toren dieser Hofburg der Armut und des Elendes. Es war am 25. März dieses Jahres, am Tage Maria Verkündigung, und drunten im Maigrunde war heute ein lauer, sonniger Frühlingstag. Heitere Menschen werden ins Freie geströmt sein, um sich an dem ersten Gezwitscher der Vögel, an den ersten Veilchen und dem blauen Himmel zu erfreuen, und nur im Hintergrund erblickten sie einen dämmernden, wogenden Nebel, der das Gebirge verdüsterte. Das ist der große düstere Vorhang, der sich in jedem Frühjahr an warmen, klaren Märztagen vor der weitgedehnten Basaltkette der Rhön niedersenkt, und die wenigsten Talbewohner wissen, wieviel Eis und Schnee, Hunger und Kummer, Seufzer und Tränen dieser Vorhang jahraus, jahrein verbergen muss.
Hier trifft der Nordsturm den armen Kartoffelbauern dreifach, damit der rheinische Weinbauer die Rebe während des kältesten Winters frei am Pfahl kann stehen lassen …(sic!) und mit dem Winterbett einer Erdscholle zu decken braucht; hier werden im Sommer die übermächtigen Regenmassen zurückgehalten, damit sie den Wein auf den südlichen Rebenhängen nicht in Wasser verwandeln; es sind diese Bergketten zwei Drittel des Jahres mit dem Fluch eines hochnordischen Klimas beladen, damit uns der Rhein- und Maingrund ein Italien in Deutschland vordichten könne … (sic!) Frühling und Winter lagen hier so eng zusammen gedrückt, wie man es außerdem nur auf den Alpengebirgen des Südens finden wird. Vor drei Stunden noch hatte ich unten im Brendtale geglüht vor Sonnenhitze, dass ich kaum den Mantel ertragen konnte, während bei dem Dorf Oberweißenbrunn am Fuß des Arnsberges mein Bart bereits bereift und fest gefroren war, und hier oben auf dem Gipfel bei der eisigen Nordluft und dem fußtiefen Schnee eine plötzliche Ermattung mir trotz dem Mantel den sichern Tod des Erfrierens gebracht hätte. Der bayerische Topograph Walther erzählt von einem russischen Soldaten, der im Wonnemond erfroren ist auf diesen Bergen, die im Durchschnitt nicht viel höher liegen als die Stadt München.
Wie die Gegensätze des Klimas, so sind auch die Gegensätze von Arm und Reich auf der Rhön eng zusammengerückt, denn die Bevölkerung des ganzen Gebirges ist keineswegs arm. Die Armut tritt weniger überallhin verstreut auf, wie in den meisten mitteldeutschen Gegenden, als nach Berggruppen und Talzügen ziemlich bestimmt abgesondert. Diese historische, unausrottbare Armut haftet an einzelnen Strichen, an denen auch das nordische Klima haftet. Diese sind namentlich: das Dammersfeld, die Kreuzberggruppe und die Lange Rhön. Die Armut dieser ödesten Winkel unserer feuchten und kalten Basaltgebirge will mit ganz anderem Maßstabe gemessen sein als die andauernde oder vorübergehende Verarmung der glücklicheren Gegenden. Sie ist hier ein uraltes Erbstück des Volkes, der der Hunger ist nicht bloß heuer, sondern in jedem Frühjahr der treueste Hausfreund. Es geht diesen Leuten wie dem Wild, wie den Vögeln, die auch im Sommer fette, im Winter magere Zeiten haben. Und sie wissen’s nicht besser.
Sonst ist der Begriff der Armut schwer zu bestimmen; hier ganz leicht. Diese Naturkinder sind arm, weil sie mit ihrem Kartoffelvorrat bis zum Junius hätten reichen sollen, und haben nur bis zum Februar ausgereicht. Sie sind arm, nicht weil die Summe ihrer Bedürfnisse im Missverhältnis stünden zu der Summe ihrer Arbeitskraft, sondern nur zu der Summe des schlechten Wetters vom vorigen Jahr. Der Himmel hat ihren Hunger größer werden lassen als ihre Kartoffeln. Dies ist die einfachste und ursprünglichste Form der Armut.“
Bemerkungen
Bearbeitungsstand   13.10.2013
Beleg Bert Horas: W. Heinrich Riehl durchwandert 1852 die Rhön und prägt den Begriff „Land der armen Leute“. Auszüge aus seiner Schrift „Vom deutschen Land und Volke“, in: Buchenblätter, Beilage der Fuldaer Zeitung für Heimatfreunde, 86/4 (2013), S. 13–15, hier S. 13–14.
Bearbeiter Dr. Friedhelm Röder
   

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